Zunächst: Die Beantwortung darf nicht dazu führen, dass man sie im Sinne einer Rechtfertigung liest, mithin die Frage als solche auf unsicherem Boden steht, man gar dazu übergeht, anzunehmen, der Umstand der Abhängigkeit per se stünde hier und jetzt zur Debatte. Wir haben das beim Zamperski-Fall gesehen: Es führt zu nichts. Denn eines ist doch klar: Hier wird nichts verhandelt, hier wird nur aufgeklärt. Und natürlich gehört es heute zum guten Ton, die Dinge ins Licht einer Abwägung zu stellen, einzig, um ihnen den definitiven Charakter zu nehmen. Aber was ist das für ein definitiver Charakter und weshalb schmerzt er so viele feinsinnige Gemüter? Nun, das Ding, so wollen wir es nennen, ist keine Sache von zweifelhafter Erscheinung, es tritt in die Welt, um das zu sein, was es ist, ein klarer Auftrag, eine definitive Zusage an die eigene Bestimmung, Teleologie feat. Epistemologie. Und so ist man auf langen Umwegen schließlich bei Kessler angelangt, und die Menschen haben gefragt, wer oder was ist Kessler, aber soviel, um die Frage der Vorabklärung damit auch abzuschließen, muss man der Inhärenz doch zugestehen, auch wenn der eine oder andere Defätist auch hierin wieder den Verrat riechen mag: Kessler ist. Dann: Die Geschichte lässt so manchen grauen Bart wieder in elegantem Schwarz erscheinen, wagt man nur den ersten Schritt in ihre Richtung, d.i. umgekehrt, stehenden Auges in den offenen Fuß, nicht um die Sohlen auch ja regelmäßig abzulaufen, so geschieht der Rest schon fast von selbst. Die ihrer Sicherheit beraubte Kausalkette flattert unwirsch auf dem glatten Unterboden, die Menschen erklären sich in die Vergangenheit hinein. So möchte man nun natürlich nur folgerichtig fragen, wenn, dann wie und wenn wir schon dabei sind: am Besten noch wann. Wie kommt es zu der Abhängigkeit, wann wurde sie inauguriert und von wem, genießen wir die offensichtliche Macht, die mit ihr einhergeht, usw. Und zu diesem behuf lassen wir uns dann auf das beschriebene Historienspiel ein und ... werden enttäuscht, denn solches Denken greift zu kurz. Zum Beispiel: Liegt in der Abhängigkeit ein Machtfaktor oder gibt es andere Formen der Vernetzung? Tatsächlich ist es der Moment, in dem wir erklären müssen, dass wir uns zu weit aus dem Fenster gelehnt haben: Denn wir selbst sind es gewesen, die eine Abhängigkeit von uns präjudiziert haben, ohne dabei auf den Umstand aufmerksam zu machen, dass die Schwierigkeit gar nicht mit der Vokabel der Abhängigkeit einhergeht, vielmehr mit der definitiven Manifestation eines geschlossenen Verbandes, den wir als „wir“ bezeichnen. Denn wenn wir die Abhängigkeit zu uns al faktisch voraussetzen, so ist das zwar juristisch einwandfrei und unbedenklich, aber es suggeriert eine Beziehung, die man vielleicht aus Funk und Fernsehen kennt, die mit der realen und hier zur Diskussion gestellten nicht das Geringste zutun hat. Denn nicht wir sind es, die sich als Gegenpart, gewissermaßen als Antipode hier formiert, zudem es dann im Laufe eines quälend langsamen Prozesses – ja, ja, wir wissen wovon wir sprechen - , sondern das Gesamtnetz in dem wir uns alle, das sind andere, Kesser und eben wir, wiederfinden, zeigt sich als der Grundstoff unserer Auseinandersetzung; da taucht das Problem der Macstruktur einfach nicht auf, denn wer sollte hier den Anfang machen – man versteht schon. Also: Kesser ist abhängig, braucht uns, lange, bevor diese Zeilen geschrieben wurden, ja, lange bevor Kesser wusste, dass er ist, was er ist. Aber ist auch klar, dass wir Kesser mindestens genauso brauchen, und so ergeben wir uns alle in unser Schicksal.
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