I Liest man alte Texte, sogenannte Klassiker, so ist man oft genug in einem Dilemma: Wie soll man das Geschriebene verstehen, ohne doch die Zeit zu berücksichtigen, in der der Text entstanden ist, oder wieso sollte man einen Text Eigenzeit vergessend lesen, der doch so gar nicht die Gepflogenheiten berücksichtigt, mit der man heute konfrontiert ist (wie sollte er auch?)? Verkürzt: Wieso und wenn ja wie liest man jetzt Texte, die zu einer anderen Zeit geschrieben sind? Jeder Klavierschüler kennt das Problem: Man muss sich mehr oder minder durch einen beachtlichen Wust sogenannter klassischer Literatur übend quälen – der formstrenge Bach, der überladene Mozart, die Beethoven’sche Last, den linksäugig leichten Schumann, Brahms’sche Schwungmuffigkeit, und immer wieder gern mit Bartok in die Sphären abgrundschwebender Fragmentierung hinein -, bevor man endlich die Erlaubnis des Klavierlehrers erhält, auch mal, sagen wir, etwas der Beatles zu spielen – ich bin davon überzeugt, dass Klavierschüler systematisch einer Gehirnwäsche unterzogen werden, denn nicht anders ist es zu erklären, dass der Dreisprung Brahms/Bartok/Beatles lautet (und komme mir jetzt bitte keiner von wegen Alphabet und so) und nicht Brahms/Bartok/Flynt; als käme nach Hesse und Kafka, was ja so in dem Alter ansteht, direkt die „Für Sie“ – ja, es gibt es, das Tolkiendelirium, aber es folgt nicht mit der gleichen Konsequenz wie die Herrschaften aus Liverpool. Hört und macht man die Musik dann also besser oder gar einzig und allein, wenn man sie nach solchem Studium angeht? Sieht man den Schubert als Heiligen, an dem es sich zu orientieren gilt; ist es das notwendige Übel (etwa Wittgensteins Leiter), ohne dass es eben nichts geht; verputzt man die glatten und polierten Oberflächen wiederum mit einer feinen und sehr homogenen Staubschicht, die über den Umstand hinwegtäuschen soll, dass man es auch unter Aufbietung der fantastischsten Kraftanstrengung schlicht und ergreifend einfach nicht weiß; oder sind wir eben doch alle Geschichtsfreaks, die Ustinov die Harfe reichen und mit den The Mamas and the Papas über historische Aufführungspraxis schwärmen möchten? Vielleicht von allem ein bisschen, denkt sich der affirmative Bildungsbürger, schaden wird’s jedenfalls nicht. Und so sitzt man nun mit seiner Taschenbuchausgabe der Äneis – Gibt es da Menschen, die tatsächlich die angedeutete vierfache Wurzel der Unwissenheit im Original zu bewässern suchen? – und fragt sich von Zeile zu Zeile, ob das nun wirklich nötig war. Macht es mich schön, reich vielleicht, hilft es mir im Supermarkt, beim Streichen, macht es mich glücklich? Und wenn mir der Herr Autor dann seinerseits noch Fragen entgegenwirft: „Soll denn ein einzelner Mann, umzingelt in euren Schanzen,/Straflos, o Bürger, im ganzen Lager so grässliche Morde/Wirklich vollziehen, die edelsten Jünglinge senden zum Orkus?“ – wer bin ich, warme Milch trinkend und mit karierter Decke auf den alternden Beinchen, der solches zu beantworten weiß? O Vergil, ich kann’s Dir beim besten Willen nicht sagen! Und natürlich ist es keine große Sache, die Herrschaften zu bespiegeln, sich über sie zu amüsieren, mir geht es gut, euch nicht, ich habt keine Ahnung von dem, was ich weiß, nicht einmal ob. So tritt man freundlich an die Seite, ist gönnerhaft, man muss schon verstehen, die Zeit, man kannte damals noch keine wiederverschließbaren Tafeln Schokolade, habt Verständnis. Auf diese Weise verkommt das Verstehen dann endgültig zum Comic, der sein Dasein auf einem mittelständigen Klo südöstlich von Coesfeld fristet. Apropos südöstlich – kommen wir doch gleich noch einmal darauf zurück. Aber, aber, höre ich die Liebhaber nun schreien, und sie verschaffen sich so lautstark Gehör, dass niemand ernstlich darüber nachdenken sollte, wie man diesen Kelch nun, äh, also, her damit, wir stellen uns unseren Elchen, oder waren es Kritiker, in jedem Fall ... nun ja: Wir lesen das Buch, dies uns liebgewonnene, warum sonst auch klassisch, nicht wahr, weil wir es lesen wollen, Mozart ist super, klar, lässt die Blumen wachsen, kennt jeder, wir lesen es so gerne, dass wir es weiterempfehlen, sagen, es lohnt sich, dabei drücken wir die Augen zusammen, alles in Ordnung, mach nur. Und dann weinen wir mit Lotte und erkennen die beste aller möglichen Welten, und wir freuen uns, wenn die Texte verwegen, sagen wir ironisch sind, sie machen sich lustig, die durften das damals, Chapeau, Candide, Chapeau, Optimismus, was, eben die gute alte Zeit. Wir behandeln die Figuren und Phrasen, als seien sie druckfrisch, eben gerade erst in die Welt geboren, ein schöner Moment eben, und so dicht. Und wenn störende Momente der Authentizität die Schau stehlen möchten, sagen wir es sind die Höllen, die Unterirdischen, urban, natürlich, und schönste Frauen wollen zumindest gegrüßet sein, dann ist es nur ein kurzes Blinzeln und die Welt ist wieder tabloid ablesbar, mit Kratzfuß und Küss-die-Hand kommt man nicht unbedingt schneller durchs Leben; sicherlich aber eleganter. Lest, jetzt lest doch endlich, rufen sie weiter, und so ermutigt schmerzt Lourdes von Zola auch fast gar nicht mehr.
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