|
Man hat mir oft gesagt, schreibe etwas anderes, etwas nicht so radikales, und ich bin hingegangen, habe mich auf die kleine Bank im Park gesetzt und habe mir die Frage gestellt, wann und warum denn das, was ich schreibe am Kriterium der Radikalität gemessen wird, und nachdem ich mehrere Stunden auf der Bank zugebracht habe, ein Ausdruck meiner wirklichen Bemühung, denn man muss wissen, dass es in unseren Breiten zu dieser Jahreszeit immer recht kühl ist, ich also durchaus Gefahr gelaufen bin, mich dabei nachhaltig zu erkälten, bin ich zu der Einsicht gelangt, dass ich überhaupt nicht sehen kann, wo und weswegen das von mir Geschriebene eine andere Art von Radikalität aufweist als das von, sagen wir, nein, ich muss jetzt gar keine Beispiele nennen, dass kann sich ja jeder selbst überlegen, denn es ist ja gewissermaßen beliebig, gleich, die Texte sind alle gleich, natürlich sind nicht alle Texte gleich, denn sonst wären sie ja immer wieder ein und der gleiche Text, was ja auch interessant wäre, ich meine, man reist dann um die Welt, kommt zu den exotischsten Plätzen und findet dort Texte vor, die zwar in einer fremden Sprache geschrieben sind, aber exakt das Gleiche wie alle anderen Texte auch sagen müsste, was ja durchaus befremdlich wäre, warum lesen die Menschen die gleichen Texte wie wir, da sie doch in einer gänzlich anderen Situation leben, müsste man da fragen, oder im Umkehrschluss, ist es gar so, dass sie in der gleichen Situation leben wie wir, da sie alle die gleichen Texte, den gleichen Text lesen, ist die Situation zwar die gleiche nur jedoch in einer anderen Sprache verfasst, ich weiß, dass solche Spekulationen zu weit führen, aber man muss sich auch mal etwas abwegigeren Ideen widmen, was mich ja zurückführt auf die Idee des gleichen Textes, ich glaube, dass alle Texte gleich im Sinne der Radikalität sind, nu, werden sie jetzt einwenden, weswegen erscheinen uns dann die einen radikaler als die anderen, und der Einwand ist ja schon gerechtfertigt, wenn man mal überlegt, was einem am Tag so alles durch den Kopf geht und eigentlich unberücksichtigt bleibt, quasi an einem Außenleben gehindert wird, nur weil sich da jemand beschweren könnte, so setze ich mich dafür ein, dass die Dinge auch genannt werden können, denn angenommen, jemand denkt etwas Radikales und äußert sich in dieser Sache dann aber nicht, so sehe ich hier größere Gefahr als bei der Kenntlichmachung durch das Aussprechen, vielleicht erschrickt ja jemand sogar durch die eigenen Äußerungen, wohingegen sich das Material genüsslichster Blüte erfreuen hätte können und das über lange Zeit hinweg, wenn es nicht von außen her erkannt worden wäre, weswegen jetzt Texte jedoch in solch unterschiedlicher Weise wahrgenommen werden, und das nicht nur in ihrer Radikalität, ist nur dem Umstand zu verdanken, dass für Menschen die Schrift selbst ihren gegenständlichen und damit äußeren Charakter verloren hat, und dabei denke ich noch nicht einmal an Ausformungen der Buchstaben, Sätze, Satzzeichen und Absätze, sondern an das Veräußern von Sprache selbst, natürlich gilt das für die gesprochene Sprache ebenso, ja vielleicht sogar in einem gesteigerten Maße, aber hier gibt es nur flüchtige Zeugen, weswegen sich die Schriftsprache besser zur Veranschaulichung eignet, denn eines ist doch klar, es hat schon etwas merkwürdiges, wenn sich jemand mit einem geschriebenen Text an einen Unbekannten wendet, ja es muss noch nicht einmal jemand da sein, der das liest, da steht etwas außerhalb von mir da und hängt doch so ganz und gar an einem selbst, was wäre radikaler als diese Entäußerung, und dann wendet man den Kopf und überblickt die gegenteilige Richtung, der Schreiber, warum verwendet er die und die Worte, warum nicht andere, sondern diese Formulierung, warum übernimmt er Satzpartikeln anderer Menschen, die sich auf die eine oder andere Weise entäußert haben, und spätestens hier treffen sie wieder aufeinander, die alten Bekannten, Individualisierung und soziale Eingebundenheit, hier der Ausdruck, da die Vermittlung, ja, man erlernt die Sprache der anderen, um sich in dieser auszudrücken, doch man stellt fest, dass nicht jeder Ausdruck der anderen Menschen auch zu einem selbst passt, also trifft man eine Auswahl, doch da bleiben Lücken, und man versucht sie zu schließen, indem man den eigenen Ausdruck verbessert, nach originären Formulierung sucht, vielleicht neue Wort findet, und dann stellt man fest, dass das Gesagte ja durchaus unterschiedliche Niveaulinien steift, und also von weiteren und immer persönlicher werdenden Ausdrücken durchzogen sein muss, jede vorgefundene Formulierung ist suspekt, die Dinge nehmen ein Ausmaß an Individualisierung an, die nur noch schwerlich von anderen nachvollzogen werden kann, die Idee der Privatsprache taucht am Horizont auf und will nicht mehr untergehen, das kann man nicht mehr verstehen, rufen die anderen, gerade, will man ihnen entgegenhalten, jetzt schreibe ich so, wie auch sonst.
|