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Entschlossene Rücksicht
Geschrieben von tk   
Mittwoch, 15. Oktober 2008
Nehmen wir den Faden also wieder auf, versuchen wir zu verstehen, weswegen JJ Dierschneider den Beutel mit den Papieren nicht aufgenommen hat. Nach reichlicher Überlegung – und man mache sich nur einmal klar, wie viele Menschen an dieser Überlegung und erst recht zu dem Entschluss notwendig gewesen sind (ich nenne nur Stichwortartig: Papua!, die Zwillinge, 42543 Kopeken und last but not least der zillertaler Kontrtenor, der im übrigen nicht ganz unbeschadet aus der Geschichte hervorgegangen ist, was natürlich eine Frage des Standpunktes ist, aber schweren Schädelhirntraumata hört der Spaß nun mal gewöhnlich auf) -, verbleiben vier Möglichkeiten: 1. Dierschneider hat dem Beutel bereits jetzt und über den Tisch hinweggesehen, dass er nicht die Papiere enthalten wird, die er selbst darin vermutet haben mag; 2. Wolfkinnen hat Dierschneider im Vorhinein darüber informiert, dass, gesetzt er, Dierschneider, wird die Papiere im Beutel an sich nehmen, niemand mehr dafür wird garantieren können, dass jeder unversehrt aus der Geschichte hervorgehen wird, was Dierschneider sowohl gegenüber Wolfkinnen als auch gegenüber dem Beutel zu äußerster Vorsicht hat zwingen müssen; 3. Der Beutel ist nur ein Täuschungsmanöver und sobald Dierschneider diesem habhaft geworden wäre (und der Konjunktiv ist hier durchaus angebracht, denn wer, wenn nicht Dierschneider weiß doch um solche billigen Tricks, und die Tatsache, dass er bereits seit über 23 Jahren im Geschäft ist – 2 3  J a h r e ! – spricht ja wohl für sich selbst), hätte ihm außer der Tatsache, dass er unnötig in Gefahr geraten hätte können rein gar nichts gebracht; 4. Dierschneider ist überhaupt nicht berechtigt, die entsprechenden Maßnahmen vor sich zu nehmen, den Beutel zu ergreifen und zu verschwinden, denn wer, so man doch fragen, kann sich in diesem Geschäft überhaupt erlauben, irgendeinen Beutel n sich zu nehmen, ohne augenblicklich der allergrößten Gefahr ausgesetzt zu sein, eine ungewollte Reaktionskette in Gang zu setzen, die zu vielem, aber vor allem Katastrophen führen muss. Angesichts der hinreichend schwierigen Situation beschließt JJ Dierschneider seine Wahrnehmung zu ignorieren und vorzugeben, den Beutel gar nicht erst gesehen zu haben.     
 
Ist es möglich, etwas neues zu erfinden?
Geschrieben von tk   
Donnerstag, 16. Oktober 2008
Das ist die Frage, die sich Moff Wimsandel schon an so manchem Tag gestellt hat: Ist es möglich, fragt er sich, steht vor dem Spiegel und betrachtet die wachsenden Falten in seinem Gesicht. Und da Moff Wimsandel offensichtlich nichts zu verlieren hat, er sich im Gegenteil darüber freuen kann, immer wieder dazugewinnen zu können, schnappt er sich eines Tages seinen Rucksack, packt den Nagelknipser und die Socken, die Feuchtigkeitscreme und ein frisches Hemd ein und rennt noch zur Nachbars Liesl, um sich zu verabschieden: Der Moff macht sich auf, spricht er zur Liesl, er muss etwas erforschen, es ist was wie die Wissenschaft, sagt er und überreicht der Liesl ein Präsent, was diese fein säuberlich und ungeöffnet in eine Schublade packt, versprechend, dass es nicht eher geöffnet werden wird, bis der Moff höchstselbst wieder da sein wird. So gerüstet und gestärkt macht sich Moff Wimsandel auf seine Reise, von der am wenigsten zu wissen scheint, wo entlang sie gehen, geschweige denn wohin sie führen wird. Und so kommt er an einem Tor vorbei, dass er durchwandert, dann hinauf ins Gebirge und schließlich mit einem Tragflächenboot über einen See. Das gibt es schon alles, sagt er sich an diesem ansonsten so ergebnisreichen Tag, da muss doch noch mehr sein. Als der Morgen anbricht kreuzt ein Kaffeemaschinenvertreter seinen Weg, und die beiden gehen ein Stück gemeinsam. Kaffeemaschinenvertreter: Ich werde meinen Job bald aufgeben. Moff Wimsandel: Warum? Kaffeemaschinenvertreter: Warum nicht? Mittags wird es sehr heiß, dann ist Moff Wimsandel schon sehr weit gekommen. Es hätte alles tragisch ausgehen können, ich meine, wir kennen doch alle diese ewigen Aussteiger mit ihrem immer gleichen blöden Konzept der Naturverbundenheit und dem „Immer locker bleiben, Baby!“-Gefasel, schreiben dann wahlweise Bücher über ihre tollen Reisen oder verkaufen bunte Ketten an Menschen, die gerne so wären wie sie, sich aber nicht trauen, hören sie mir auf damit. All das ist Moff Wimsandel und erst recht uns erspart geblieben. Stattdessen und nach einer Umrundung des kleinen Eilands, auf dem Liesl und er wohnen, steht er schließlich hinter sich selbst und kann sich so die Hand reichen. Moff, du alte Rampensau, keine Bühne, auf der du dich nicht selbst gerne sehen möchtest, gleich bleiben die Momente des Selbtverzücktseins. 
 
Trauer, genäselt
Geschrieben von tk   
Samstag, 18. Oktober 2008
Jetzt treten die Beiden auf den kleinen Vorplatz, Schnee fällt, im Hintergrund sind keine Begrenzungen zu sehen. Wahrscheinlich wäre die Situation nicht notwendig erinnerungswürdig, wären da nicht diese Klangmomente zu hören, die sich, weder Melodie noch Sound, strukturell auf den Zwischenraum legen, nicht zu ignorieren, alle sind gleichermaßen betroffen wie entleert. In kalten geraden Worten entrichtet sie ihre Aufmerksamkeit, er wäre zu diesem Zeitpunkt weniger in der Lage, eine geeignete Grammatik zu finden. Trauer, so wird jetzt furchtbar klar, ist nicht etwas, was bebilderungsfähig ist. Und so steht man sich in einen frühen Morgen, immer wieder dem Rhythmus folgend, der sich an der Wand entlang tastet. Wenn die Höhen aus Vergangenheiten in den Kreis treten sind es Reihen: Rasen, Autohändler, Musik, Gebrüll. Oder: Dunkelheit, Wald, Neon, Musik, Geburtentrauma. Oder: Menschen, Menschen, Menschen, Musik, Menschen. Er erhebt die Stimme: soll ich vielleicht versuchen die momente des außersichseins in eine form zu packen da steht man auf der anderen seite möchte nichts lieber als nicht mehr da sein und dann merkt man wie einen der fuß schmerzt und man denkt hoppla denkt man das kann doch jetzt nicht wirklich wahr sein stellt man sich in eine reihe mit sich selbst kann es kein außen und innen zur gleichen zeit geben da fängt man nicht mehr an zu grinsen der spott bleibt einem im halse stecken und man versteht nicht wie der andere das alles aushalten kann anderseits und das ist durchaus bemerkenswert schmerzt einem der fuß und man denkt hoppla denkt man da ist doch dieser ganz und gar nicht nach dem drehbuch der komik gebaute schmerz da muss es doch irgendeinen zusammenhang geben muss es und dann schaut man wieder auf den eigenen fuß und empfindet den schmerz innen und außen und weiß dass das auch nicht vorübergehen wird auch wenn man die erkältung überwunden werden hat es sind nicht die üblichen gliederschmerzen man muss gar nicht so genau hinschauen um erkennen zu können dass es etwas ganz anderes ist aber wir beiden stehen jetzt hier und ich weiß dass es niemals eine möglichkeit geben wird und dass die momente der ferne immer außen und innen zugleich sein werden. Und wenn er mit dem Taschentuch an der Nase zurück in den Raum tritt, hört man zwei Klangmomente zur gleichen Zeit: Pauken und Tompeten. 
 
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